Die Lehr-Lern-Forschung boomt. Hirnforschung, Psychologie und PĂ€dagogik erbringen fortlaufend neue Erkenntnisse darĂŒber, wie Lehren und Lernen funktioniert. Hier kann es freilich nicht darum gehen, diese Ergebnisse umfassend darzustellen und zu diskutieren. Vielmehr wollen wir uns darauf beschrĂ€nken, einige wenige, aber fĂŒr die Gestaltung und DurchfĂŒhrung von Lernprozessen ĂŒberaus wichtige und â wie wir finden â hilfreiche Punkte zu beleuchten. Wir haben die Punkte in einer âREWĂâ zusammengefasst (vgl. Medina 2014).
âREWĂâ liegt als wissenschaftliche Grundlagen die Ăberlegungen zur Gestaltung von Lernprozessen zugrunde. Dabei dĂŒrfen die einzelnen Punkte freilich nicht isoliert verstanden werden, sondern weisen vielfĂ€ltige BezĂŒge auf: Erkennt der Lerner etwa, dass er âendlichâ die Lösung eines seiner Probleme erlernt hat, so wird das sicherlich von positiven Emotionen begleitet werden. Dies setzt wiederum voraus, dass er die Relevanz ĂŒberhaupt erkennen kann und sie nicht durch eine Unmenge an Informationen verstellt ist. Und kann er schlieĂlich diese neueren FĂ€higkeiten in einer angstfreien LernatmosphĂ€re ĂŒben und festigen, steigt die Wahrscheinlichkeit enorm, dass sich echte Lernerfolge einstellen.
Relevanz
Lernen muss fĂŒr den Lerner sinnvoll sein. âDas Gehirn lernt nur das, was es als bedeutsam ansiehtâ (HĂŒther 2016, S. 134). Bedeutsam ist alles, was dem Lerner nĂŒtzlich erscheint â insbesondere nĂŒtzlich fĂŒr die BewĂ€ltigung praktischer Aufgaben des (beruflichen) Alltags. Fehlt diese Relevanz, findet der Lerner keine Antwort auf die Frage âwarumâ er etwas lernen soll, wird er eher den Lernprozess als âunsinnigâ bewerten und wahrscheinlich versuchen, ihm ganz fern zu bleiben. Denn weiĂ der Lerner nicht, wofĂŒr er die Inhalte gebrauchen kann, sind alle noch so aufwendig designten, multimedialen Lernangebote oder auĂergewöhnlichen Trainingssettings letztlich nur ein Strohfeuer. Hilfreich dagegen ist, wenn die neuen Inhalte anschlussfĂ€hig an die Vorerfahrungen des Lerners sind (vgl. Siebert 2012, S. 26 f.). Eine bedeutsame Funktion hat hier der Hippocampus, eine Struktur des limbischen Systems des Gehirns (vgl. Korte 2014, S. 112 f.). Aufgabe des Hippocampus ist es, zu entscheiden, welche Informationen vom ArbeitsgedĂ€chtnis in das LangzeitgedĂ€chtnis wandern. Man könnte den Hippocampus auch als den âTĂŒrsteherâ im Gehirn bezeichnen: âRein kommtâ, was sich als relevant darstellt, alles andere muss âdrauĂen bleibenâ. Diesen TĂŒrsteher zu ĂŒberzeugen, ist eine der wichtigsten Aufgaben bei der Gestaltung und DurchfĂŒhrung von Lernprozessen.
Emotionen
1995 veröffentlichte der Neurowissenschaftler Antonio R. Damasio sein bahnbrechendes Buch âDescartesÂŽ Irrtum. FĂŒhlen, Denken und das menschliche Gehirnâ. Seine Hauptthese: FĂŒhlen und Denken hĂ€ngen untrennbar zusammen. In der Folge wurde in zahlreichen Studien die ĂŒberragende Bedeutung von Emotionen auch und gerade fĂŒr das Lernen bestĂ€tigt. So formuliert Siebert in Bezug auf die Kompetenzentwicklung: âKompetenzen sind nur dann nachhaltig, dauerhaft und effektiv, wenn sie emotional âgespurtâ sindâ (Siebert 2012, S. 46). Erpenbeck et al. sprechen gar von einem âentscheidenden Paradigmenwechselâ der âzu einem grundsĂ€tzlich geĂ€nderten VerstĂ€ndnis des menschlichen Lernens (fĂŒhrt)â (Erpenbeck/Sauter 2016, S. 160 f.). Wir sind eben keine Computer, die Informationen einfach auf einer Festplatte abspeichern, sondern Lernen findet immer unter emotionaler Beteiligung statt. Die Frage ist nur, welche Emotionen beteiligt sind. Emotionen wie Angst, Scham und Misstrauen wirken sich negativ aus, dagegen beeinflussen Begeisterung, Freude, Sicherheit und Vertrauen das Lernen positiv. Das hat weitreichende Konsequenzen fĂŒr die Gestaltung von Lernprozessen. Die entscheidende Frage ist hier, wie ein Rahmen gestaltet werden kann, in dem positive Emotionen eher möglich sind als negative.
Wenige Inhalte
Unsere Aufmerksamkeitsspanne und -kapazitĂ€t ist weitaus geringer, als hĂ€ufig bei der Vermittlung von Inhalten vorausgesetzt wird. Schon 1956 hat Miller die âmagische Zahl 7â beschrieben (vgl. Miller 1956). Dies besagt, dass sich unser ArbeitsgedĂ€chtnis maximal 7 (± 2) Informationseinheiten merken kann. Zwar kann man durch die Bildung von âChunksâ die Einheiten verdichten und sich so insgesamt mehr Informationen merken (Man kann sich die Zahlen 14092017 einzeln merken oder sie zu einem Chunk bĂŒndeln, indem man sich ein Datum merkt: 14.09.2017). Oft wird z. B. gerade bei PrĂ€sentationen mit PowerPoint die Zahl 7 hoffnungslos ĂŒberschritten. Die Folien sind einfach viel zu voll. ErnĂŒchternd fĂ€llt auch der Blick auf die Aufmerksamkeitsspanne aus. Bereits seit Langem ist fĂŒr die Gestaltung von VortrĂ€gen und PrĂ€sentationen die â20-Minuten-Regelâ bekannt (Döring/Ritter-Mamczek 2001, S. 61). Die besagt, dass nach spĂ€testens(!) 20 min die Aufmerksamkeit der Zuhörer extrem abnimmt. Folgt dann kein AktivitĂ€tswechsel, z. B. in Form von Reflexionsrunden, âschalten die Teilnehmer abâ. Aufgrund der erhöhten Ablenkbarkeit reduziert sich bei Online-Veranstaltungen die Zeitspanne sogar auf drei bis sieben Minuten. Ăhnlich verhĂ€lt es sich bei E-Learning Formaten, wo sich Kurzvideos von maximal fĂŒnf Minuten LĂ€nge als bevorzugtes Format etablieren.
Ăben
Schon im alten Rom wusste man: âRepitio est mater studiorumâ â Die Wiederholung ist die Mutter des Lernens. Leider ist diese alte Weisheit in der betrieblichen Weiterbildung ĂŒber weite Strecken in Vergessenheit geraten. Hier herrscht oft die illusorische Annahme vor, dass allein das Hören eines Inhalts ausreicht, um diesen auch umsetzen und anwenden zu können. Ohne ausreichende Wiederholung und Ăbung findet allenfalls âBulimielernenâ statt, mit Kompetenzentwicklung hat das wenig zu tun (vgl. Erpenbeck und Sauter 2016, S. 47 f.). Denn erst durch âden ĂŒblichen Kreislauf aus Versuch, Scheitern, Feedback, erneutem Versuch und so weiter gelingt es ⊠mentale ReprĂ€sentationen zu erschaffenâ (Ericsson und Pool 2016, S. 344). Gerald HĂŒther fasst die damit einhergehenden neurophysiologischen Prozesse in folgendem Bild zusammen: âAus den anfĂ€nglich noch sehr schwachen VerknĂŒpfungen werden, je hĂ€ufiger ein Problem auf die gleiche Art und Weise gelöst wird, allmĂ€hlich immer besser nutzbare Nervenwege, dann StraĂen und am Ende sogar Autobahnenâ (HĂŒther 2016, S. 214).
Quellen:
- Sammet, JĂŒrgen; Wolf, Jacqueline (2019): Vom Trainer zum agilen Lernbegleiter. So funktioniert Lehren und Lernen in digitalen Zeiten.